Unbekanntes

Der Lange ist in eine eigene Wohnung gezogen. Er wohnt da jetzt schon 5 Wochen. Es klappt gut. Er wird offener. Hat auch schon guten Kontakt zu 3 Mitstudierenden. Sein Leben auf eigenen Füßen hat er im Griff. Er geht Einkaufen, versorgt sich und traut sich, wenn er sich nicht auskennt, unbekannte Menschen anzusprechen. Wer hätte das gedacht. An jedem Wochenende kommt er nach Hause. Auch das ist nicht so einfach. Nach jedem Sturm ist ein Teil der Bahnstrecke fast zwei Wochen gesperrt. Normal waren erst drei Fahrten mit der Bahn. Der Lange muss sich also auf spontane Änderungen der geplanten Fahrt einlassen und nimmt es mit erstaunlicher Gelassenheit hin.

Er ist in den 5 Wochen gereift, Erwachsener geworden, braucht zu Hause aber noch feste Strukturen. Die Kekse, die es im November immer geben muss. Eine bestimmte Sorte Tee.

Sein Klavier hat er noch zu Hause. Da weiß er noch nicht, wo es bleiben soll. Wenn er da ist, spielt er viel. Das fehlt im in seiner Wohnung schon sehr. Nur wenn er mitnähme, würde es ihm zu Hause fehlen. Aber da werden wir schon noch eine Möglichkeit finden.

Dem Kleinen gefällt sein Studium gut. Manches ist ihm zu langweilig, weil er schon Erfahrung im Programmieren z.B. hat, aber das wird sich mit der Zeit wahrscheinlich von selbst erledigen. Er hat für die dunkle Jahreszeit jetzt eine Tageslichtlampe, die ihm momemtan gut hilft. Er hat noch Energie, die ihm sonst in dieser Jahreszeit schon fehlte. Das lässt uns hoffen.

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Schwierigkeiten

In der Zwischenzeit haben der Lange und der Kleine ihre Studienplätze angenommen. Beim Langen hat das Semester am 1. September angefangen. Er studiert an einer Fachhochschule. Das ist etwas strukturierter. Dort gibt es festgelegte Stundenpläne. Er muss sich nicht die für ihn passenden Vorlesungen und Seminare raussuchen. Das ist einfacher für ihn. Sein Studium begann mit einem Mathevorbereitungskurs. Die Stadt, in der er studiert ist etwa zwei Bahnstunden weit entfernt. Also fuhr der Lange mit der Bahn. Eine Unterkunft hat er noch nicht. Am zweiten Tag kam er abends mit Kopfschmerzen wieder und sagte, er versteht das Alles nicht. Der Dozent erklärt nicht gut, sondern teilt nur Zettel aus mit Aufgaben, die gerechnet werden sollen. Der Lange fährt nicht mehr hin.

Die Zimmersuche gestaltet sich auch schwierig. Er hat sich auf ein paar WG Zimmer beworben, sogar besichtigt. Aber an dem Tag danach hörte er jedes Mal auf zu reden. Er sprach kein Wort mehr, antwortete nicht auf Fragen, kam nur zum Essen. Als er wieder redete, konnten wir ihm entlocken, dass er nicht mit Anderen in einer Wohnung leben will. Also suchen wir jetzt 1 Zimmer Wohnungen. Das ist aber nicht so einfach. Wir haben schon welche besichtigt, aber ob die Vermieter an Studenten vermieten? Wir werden sehen. Erst kann er täglich mit der Bahn fahren. Aber auf die Dauer wird es nicht gehen. An einem Tag beginnt die Vorlesung schon um 8:00 Uhr. da muss er dann um 5:00 Uhr hier losfahren. Zudem ist die Bahn ja auch nicht immer das zuverlässigste Verkehrsmittel, was die Pünktlichkeit betrifft.

Der Kleine fährt auch jeden Tag. Bei ihm ist das aber nicht ganz so schlimm. Er muss nur in die nächste Großstadt. Da kommt man ganz entspannt mit öffentlichen Verkehrsmitteln hin. Er hat seinen Mathevorkurs erfolgreich und durchaus mit Spaß hinter sich gebracht. Sein Semester beginnt am 1.Oktober. Die Vorlesungen am 16. Oktober. Er würde gerne ausziehen. Aber auch für ihn kommt eine WG nicht in Frage. Und 1 Zimmer Wohnungen sind in dieser Stadt kaum zu bezahlen und werden bestimmt auch nicht unbedingt an Minderjährige vermietet. Aber bei ihm haben wir Zeit zu suchen. Für ihn ist der Weg zur Uni nicht so weit.

Es bleibt also weiter spannend.

Studium

Der Lange hat sich entschieden. Er möchte studieren. Bewerbungen sind raus und die erste Zusage einer Uni schon da. Es wird Biologie, mit Endziel Meeresbiologie. Der schon zugesagte Platz läuft auch darauf hinaus, nur über den Weg der Biotechnologie. Jetzt wartet er, ob es noch andere Zusagen gibt. Dann wird er sich entscheiden. Auch, ob ein Auszug von zu Hause nötig ist, oder nicht.

Momentan ist er sehr gesprächig. Er ist viel bei uns, will zusammen mit uns Filme schauen oder spielen. Fährt mit mir zum Einkaufen. Will auch mit uns zusammen in den Urlaub. Er braucht wohl nochmal ein wenig Sicherheit und Gewissheit, dass wir für ihn da sind.

Er hat sich auch nur Unis rausgesucht, die höchstens zwei bis drei Autostunden entfernt sind und gut mit dem Zug erreichbar. So dass er immer die Möglichkeit hat, nach Hause zu kommen. Ganz weit wegzuziehen traut er sich noch nicht zu. Aber den ersten Schritt ins fast selbstständige Leben schon.

Wie geht es weiter

Abitur geschafft, was nun. Der Kleine weiß es genau. Seine Imatrikulationsunterlagen liegen schon bei uns auf dem Tisch. Er wird angewandte Informatik in der nächstgelegenen Großstadt studieren. Wir haben unterschrieben, er ist ja erst 16. Also läuft noch alles über unseren Tisch. Das Studium wird unterstützt von der Firma, bei der er seit einem Jahr regelmäßig arbeitet. Er kann auch während des Studiums dort weiter Geld verdienen, so dass die Finanzierung gesichert ist. Das war seine größte Sorge. Total abhängig zu sein ist für ihn kaum auszuhalten. Diese Lösung ist für ihn perfekt. Im Sommer will er noch den Mathe Vorbereitungskurs belegen. Nun hoffen wir, dass es auch das Richtige für ihn ist. Aber da er selbst das so will, wird es klappen.

Der Lange weiß nicht so recht, wie es weitergehen soll. Seine Bewerbungen im Winter hätten vielleicht Erfolg gehabt, aber die Termine für die Eignungstests hat er abgesagt. An den jeweiligen Terminen waren Klausuren angesetzt und dann kann er nicht andere Termine wahrnehmen.  So ist das mit ihm. Nachholtermine gab es bei einer Stelle nicht und bei der Anderen hat er erst gar nicht nachgefragt. Nun ist er also keinen Schritt weiter. Studium? FSJ? FÖJ? Vielleicht, Weiß nicht. Antworten die ich täglich erhalte. Gestern sagte er, „ich hab mal so einen Studientest gemacht, aber der hat nicht viel geholfen. Die haben geschrieben, dass sie mir nichts empfehlen können. Ich habe zu viele Interessen. Da gab es dann über 1000 Studiengänge. Es fing mit Agrar… an und da hab ich schon aufgehört zu lesen.“ In der Nähe gibt es noch eine FÖJ Stelle, aber da gehört es dann auch dazu Besuchergruppen durch die Natur zu führen. Mit Erklärungen. Fremde Menschen. Eher nicht. Mal sehen, was nun bei all den Möglichkeiten herauskommt.

Bestanden

Der Titel sagt alles. Beide Jungs haben ihr Abitur bestanden. Am Freitag bekamen sie ihre Noten. Der Kleine hat mit 2,5 abgeschlossen und der Lange hat eine 3,0. Es fehlt ihm bloß ein einziger Punkt zur 2,9. Aber in eine mündliche Nachprüfung will er nicht. Er sagt, mündlich kann er sich nicht verbessern und will es auch nicht probieren. Muss er auch nicht. Wir sind so stolz. Bei all den Schwierigkeiten, die die Beiden hatten. Der Lange war nach Meinung seiner Grundschullehrerin nicht geeignet, auf das Gymnasium zu gehen. Aber er hat sich durchgekämpft. Hat alle Hürden gemeistert. In jedem Halbjahreszeugnis stand drin „Versetzung gefährdet“. Aber er hat es immer wieder geschafft. Sein bestes Fach war Englisch. Was er jetzt machen will, weiß er noch nicht.

Der Kleine hat trotz vieler dunkler Zeiten sein Abi auch ohne Probleme bestanden. Er ist erst 16, hat aber einen genauen Plan. Er möchte angewandte Informatik studieren. Seit über einem Jahr macht er ja schon Praktikum in der Firma seines Schwagers. Das gefällt ihm so gut, dass er sich ein Studium vorstellen kann. Im Sommer möchte er noch den Mathekurs an der Uni belegen zu Vorbereitung. Er weiß also ziemlich genau, was er will.

Jetzt haben also tatsächlich alle 5 Kinder ihr Abi in der Tasche. Nächstes Wochenende ist dann noch der Abiball und dann ist die Schulzeit unserer Kinder beendet.

Erledigt

Gestern hat der Kleine seine mündliche Prüfung hinter sich gebracht. Der Lange schon am Dienstag. Beide haben sie bestanden. Ich bin sehr stolz.

Der Lange hatte aber Probleme. Leider war von den versprochenen Erleichterungen nichts eingetroffen. Der Jahrgangsleiter ist wohl doch nur ein Wolf im Schafspelz. Also wieder eine Entäuschung mehr in seinem Schulleben. Aber dennoch hat er sich sich durchgekämpft und es geschafft. Wie schon so oft. Es ist eine große Leistung.

Der Kleine hat in dem Bereich keine Probleme. Er redet gern und Englisch fällt ihm leicht. Dementsprechend gut ist auch das Ergebnis. In zwei Wochen wird dann das Gesamtergebnis bekanntgegeben. Da mache ich mir jetzt aber keine Sorgen mehr. Die Beiden waren nach den schriftlichen Prüfungen sehr entspannt. Dann haben wir es geschafft. 5 Kinder durch das Abitur gebracht. Ihnen die bestmögliche Ausgangsposition für ihr weiteres Leben ermöglicht. Auch für uns ein Grund für Erleichterung und Stolz. Wie es weiter geht, weiß bisher nur der Kleine. Er weiß genau wo und was er studieren will. Der Lange möchte jetzt wohl auch eher ein Studium beginnen, weiß aber noch nicht genau was. Aber nach den Prüfungen ist jetzt Platz im Kopf für solche Gedanken. Wir sind gespannt.

Ängste

Die schriftlichen Prüfungen haben die Beiden hinter sich. Nun folgt nur noch die Mündliche. Das liest sich soweit ganz gut. Doch genau hier beginnt das Problem.

Der Lange mag nicht reden. Und schon gar nicht mit Lehrern, denen er gegenübersitzt. Er ist momentan total blockiert. Spricht kaum, isst wenig und kann sich nicht konzentrieren. Er sagt, er kann nicht lernen. Alles lenkt ihn ab. Das Fenster, sein Kanarienvogel, alles. Auch ein Ortswechsel (anderes Zimmer) bringt nichts. Was kann helfen? Ich schlage ihm vor, dass ich mit dem Jahrgangsleiter spreche. Der Vorschlag wird angenommen.

Ich konnte den Jahrgangsleiter direkt am nächsten Tag erreichen. Er war sehr verständnissvoll. Sein Angebot war, dass der Lange nur seinem Fachlehrer gegenübersitzt (mit dem er gut zurechtkommt). Der Rest der Prüfungskommission sitzt abseits und besteht nur aus den mindestens geforderten zwei zusätzlichen Lehrern, von denen eine noch der Jahrgangsleiter sein wird. Der Lange darf seinen Text ablesen und muss nicht frei sprechen. Und ein weiteres Zugeständniss wird sein, dass der Lange im Raum umhergehen darf und nicht auf seinem Stuhl sitzen bleiben muss. Das macht er zu Hause auch so. Wenn er was zu erzählen hat, läuft er wie ein Tiger im Käfig auf und ab. Nur auf seinem Klavierhocker kann er stundenlang sitzen. Sonst ist er, wenn er mit anderen Menschen im Raum ist, immer in Bewegung. Entweder nur die Finger, oder der ganze Kerl.

Als ich dem Langen von dem Gespräch berichtete, wurde er etwas ruhiger. Er weiß jetzt genau, wie die Prüfung abläuft. Wenn er noch Fragen hat, kann er mit dem Jahrgangsleiter oder dem Fachlehrer Kontakt aufnehmen. Wenn die Angst vor dem Unbekannten etwas gemildert ist, kann er sich hoffentlich wieder konzentrieren und lernen.

Ein Satz, den der Jahrgangsleiter gesagt hat, ist mir besonders im Gedächtniss geblieben: Der Lange sollte uns nicht als als Lehrer sehen, sondern als Trainer, wir wollen doch, dass die Schüler gut bestehen und nicht durchfallen. Ich weiß, dass es sehr viele Gegenbeispiele gibt. Auch meine Kinder haben einige der anderen Exemplare kennenlernen dürfen. Umso mehr habe ich mich über den Satz gefreut, der zeigt, dass es noch Lehrer gibt, denen die Schüler wichtig sind. Unser Langer hat einige der guten Lehrer in seiner Schullaufbahn kennengelernt. Ich wünsche mir, dass jedes Kind das Glück hat, wenigstens einen guten Lehrer an wichtigen Stationen der Schullaufbahn an seiner Seite zu haben.